Der Spielplatz

Der Spielplatz

Man könnte meinen, ein Spielplatz wäre ein friedlicher Ort. Ich sitze auf einer Holzbank, vor mir spielt Linus im Sand. Langsam schiebt er einen Bagger vor sich her. Dabei erzeugt er mit seinen Lippen das Fahrgeräusch: „Brrrrrrr“. Ich nehme einen Schluck aus der Wasserflasche. An der Rutsche ist ein Mädchen hingefallen und weint in den Armen seiner Mutter. Plötzlich sehe ich aus den Augenwinkeln, wie ein Junge auf Linus zustürmt. Er reißt ihm den Bagger aus den Händen und erklärt: „Meins!“ Linus blickt irritiert auf seine nun leeren Hände und dann auf den Jungen.

Ich weiß in solchen Momenten nie, wie ich mich verhalten soll. Auf der einen Seite hat der fremde Junge Recht: Der Bagger gehört ihm. Linus hat ihn im Sand gefunden. Auf der anderen Seite ist das bei Kindern so eine Sache: Die interessieren sich nämlich immer erst dann plötzlich wieder für ihre eigenen Spielsachen, wenn ein anderes Kind sie in Beschlag nimmt.

Ich beschließe mich zurückzuhalten. Sollen die Jungs das unter sich ausmachen. Da kommt eine Frau – offensichtlich die Mutter des Jungen – angerannt. Sie nimmt ihrem Sohn den Bagger aus der Hand und erklärt: „Lass dem anderen Kind den Bagger. Du wolltest doch bis eben noch Schaukeln.“ Ich lächele die Mutter an. Ja, gut. Teilen ist eine wichtige Lektion. Gleichzeitig tut mir der Junge jetzt leid. Schließlich ist es ja wirklich sein Bagger. Aber Linus strahlt.

Fluch und Segen auf Spielplätzen ist, dass es hier Kinder mit riesigen Altersunterschieden gibt. Als Linus gerade erst laufen gelernt hatte, war jedes Mal eine Gruppe Zehnjähriger dabei, so wild und rücksichtslos herumzurennen, dass ich mir sicher war, er würde jeden Moment ausversehen niedergetrampelt werden. Wenn ein Sechsjähriger einem Einjährigen die Schaufel wegnimmt, finde ich das irgendwie auch nicht in Ordnung. Aber prinzipiell muss jedem Elternteil klar sein, dass wer seine Spielsachen in den Sand kippt, sie zum Freiwild macht. Kindern ist nun mal egal, ob da noch so übergroß und deutlich „MADITA“ auf der Schaufel, dem Bagger oder dem Eiswaffelförmchen geschrieben steht.

Auch das Engagement der Eltern, reicht auf dem Spielplatz von Null bis Trillionen. Manche sitzen die ganze Zeit im Sand und backen singend einen Kuchen nach dem anderen. Andere starren ununterbrochen auf ihr Handy und kriegen gar nicht mit, dass fremde Menschen ihr Kind gerade davor bewahrt haben, das Klettergerüst hinunterzustürzen.

Ich bin zwar weder das eine noch das andere Extrem, trotzdem bin ich eine schreckliche Spielplatzbesucherin. Ich vergesse jedes Mal etwas: den Sonnenhut, Proviant oder den Stoffbeutel mit den Sandelsachen. Doch während ich noch, fluchend, in den tiefen Weiten des Kinderwagennetzes zwischen Windeln und steinharten Brezelresten nach Feuchttüchern krame, fliegt mir schon eine komplette Packung gegen den Kopf. Denn zum Segen aller Besucher gibt es die perfekt organisierten Mamas und Papas. Sie haben einfach immer alles dabei. Aus ihren Taschen zaubern sie stets eine Maxi-Packung Bio-Dinkel Kekse und eine Vesperbox voller (in mundgerecht-geschnittener Stücke) Erdbeeren, Äpfel und Bananen. Damit versorgen sie den kompletten Spielplatz. Ein Kind rutscht auf dem steinigen Asphaltweg aus? Pflaster und Desinfektionsspray sind bereits gezückt. Sonnencreme vergessen? Kein Problem. Ohne die Survival-Eltern wäre ich verloren.

Aufgrund meiner Vergesslichkeit überlege ich mittlerweile, den Platz vor unserer Wohnungstür zum Sandkasten inklusive Beach-Bar umzufunktionieren. Die Masse an Sand aus Linus Schuhen würde dazu jedenfalls ausreichen.

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